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Antenne Witten

Archivbilder Witten-Annen (2012)

Foto: Lukas


EIN HISTORISCHER BILDBAND

Dies ist tatsächlich eine lokale Geschichte: 231 bisher weitgehend unveröffentlichte Bilder aus diversen Privatsammlungen und Vereinsarchiven spiegeln den Wandel von Architektur und Alltagsleben im vergangenen Jahrhundert im Wittener Stadtteil Annen wider.

Bis heute lassen sich viele Spuren der Vergangenheit in Annen finden. Die zusammengetragenen Aufnahmen dokumentieren nicht nur die Entwicklung der Industrie vor Ort, sondern auch die Beständigkeit markanter Bauwerke wie des Kriegerehrendenkmals auf dem Marktplatz, des Annener Amtshauses oder der beiden Kirchen im Ort. Die Eisenbahnschienen, früher Teil einer Strecke zwischen Elberfeld und Dortmund, heute Heimstrecke der S5 Dortmund-Hagen, teilen den Ort nach wie vor in zwei Hälften. Die Fotografien zeigen nicht nur den industriell-städtisch geprägten Norden, sondern auch den Süden, der sich seinen eher ländlichen Charakter erhalten hat.

Der Bilderspaziergang durch den Ort beweist aber auch, dass sich vieles verändert hat. Er weckt zum Beispiel Erinnerungen an die Straßenbahnlinie, die einst das Bild des Ortskerns prägte und doch bereits seit 1985 Geschichte ist. Ode er erinnert daran, dass neben Kohle und Stahl gleich mehrere Glashütten zum industriellen Wachsen der Gemeinde beitrugen. Der Leser erfährt sowohl von der kurzzeitigen Krupp-Ansiedlung und der wichtigen Rolle, die der Bergbau vor der Weltwirtschaftskrise spielte, als auch von den Folgen der Explosion der Roburit-Fabrik 1906. Die befand sich zwar direkt an der damaligen Gemeindegrenze von Witten und Annen auf Wittener Stadtgebiet, doch als es zur Katastrophe kam, fragte die Explosion nicht nach Stadtgrenzen.

Lebhafte Fotografien dokumentieren auch die Freizeitgestaltung der Annener. Der Besuch im Freibad gehörte genauso zum Alltag wie Aktivitäten bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in Wandervereinen. Informationen über den Stadtteil Annen gibt es übrigens hier, ansonsten hilft natürlich Wikipedia


DIE BILDERSAMMLUNG

Ansicht um 1900

Eine Sammlung wie diese kann und will keinen Anspruch auf Vollständigkeit für sich beanspruchen. Es wäre vermessen so etwas zu behaupten. Fotografien sind stets nur Momentaufnahmen, sie halten einen Augenblick fest. Dieses Buch erzählt von diesen Augenblicken auf einem Bilderspaziergang durch Annen – und im letzten Kapitel auch von Rüdinghausen. Beide Stadtteile sind so eng miteinander verbunden, dass es „irgendwie“ nicht richtig gewesen wäre, Rüdinghausen auszusparen. Die ältesten Fotografien stammen aus den 1890-er Jahren, das jüngste Bild aus dem Jahre 1992 vom Richtfest des Hauptgebäudes der Wittener Universität im Annener Ortsteil Wullen. Immer wieder zeigt dieser Bildband Veränderungen im Ortsbild. Bemerkenswerte Fotografien sind etwa die der Annener Halde, von einem dem Vergessen anheim gefallenen Denkmal, von der Talsperre oder den durch die Zerstörung der Möhnetalsperre entstandenen Überflutungen am Annener Ruhrufer. Und natürlich die Fotografien jener Menschen, an welche die Erinnerung längst verblassen mag – die aber dennoch mit ihrem Handeln, ihrer Arbeit, ihrem Leben Annen auf ihre ganz eigene Art und Weise geprägt haben.

ARCHIVBILDER WITTEN-ANNEN 
ISBN-10: 3954000040
ISBN-13: 9783954000043
Sutton Verlag, Erfurt (2012)
 
Euro 18,95
 

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 Foto: chl - Fensteransicht Wittener Buchhandlung Maerz 2012

KORREKTUREN

Es liegt in der Natur der Dinge, dass Bücher wie dieses selten fehlerfrei daher kommen. Nicht etwa, weil der Herausgeber geschlampt hätte. Viele Fotografien in diesem Buch zeigen vielmehr Situationen, Momente, Ansichten – jenseits der großen Geschichte. Es sind die Augenblicke, die nicht in dicken Geschichtsbüchern festgehalten sind. Viele der zusammengetragenen Informationen zu den Bildern entstammen demnach mündlich – oder erst zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich fixierten Überlieferungen. Da bleibt es nicht aus, dass sich Unschärfen, Fehler, Fehlinterpretationen einschleichen. Aus diesem Grund werde ich im Folgenden etwaige Korrekturen aufführen.

Wie etwa diese hier: Auf Seite 116 ist der Bau einer Tankstelle in den 1960-er Jahren an der Kreisstraße im Stadttteil Rüdinghausen zu sehen. Diese habe ich gegenüber der katholischen Kirche verortet, wo sich bis in die 1990-er Jahre  eine Tankstelle befand. Die Straße ist richtig, allerdings habe ich mich um etwa 200 Meter vertan, denn in Rüdinghausen befand sich einige Zeit lang eine zweite Tankstelle nahe des Bahnhübergangs an der Ortsgrenze zu Dortmund-Persebeck. Und, wie mir ein aufmerksamer Leser mitteilte, handelt es sich auf dem Bild um diese zweite, eine Shell Tankstelle. Heute befindet sich an ihrem Platz das Gebrauchtwarenkaufhaus Walze. 

Der gleiche Leser machte mich auf eine weitere Bildunterschrift aufmerksam, die zwar richtig ist, aber um eine Information ergänzt werden sollte: Das letzte Foto des Buches zeigt die in Witten auf dem Schnee gelegene Kleinzeche Auguste (Gute Hoffnung IV). Diese förderte zwischen 1922 und 1943 Kohle, dann wurde sie geschlossen. Aus dieser Zeit stammt auch das im Buch veröffentlichte Foto. Es sollte, so der aufmerksame Leser, jedoch nicht die Information unterschlagen werden, dass der Wittener Kleinzechenunternehmer Erwin Schmidt das stillgelegte Zechengelände 1955 übernahm, woraufhin noch einmal bis 1962 am Schnee in Witten-Rüdinghausen Kohle gefördert wurde. Übrigens befand sich an der gleichen Straße, dem Hackertsbergweg, am oberen Teilstück etwa von 1950 bis 1952 eine weitere Kleinzeche. 

Um zu verstehen, warum sich auch nach sorgfältiger Prüfung Fehler in die Arbeit einschleichen können, gebe ich einmal ein Beispiel, dass die Krux verdeutlicht: Es gibt nur sehr wenige Fotografien, die die Staumauer des Annener Steinbachs zeigen, die von den Annenern liebevoll Talsperre genannt wurde. Die brach im November 1906, dabei kam es wie durch ein Wunder nur zu Sachschäden im Ort. Ein Foto des Tals, das mir für die Veröffentlichung vorlag, datiert laut Rückseitenbeschriftung ca. auf das Jahr 1920. Frage: Wer kann sich heute noch daran erinnern, wie das Tal 1906 oder in den frühen 1920-ern tatsächlich ausgesehen hat – weil er oder sie dort gelebt hat?

Wird das Problem klar? In einem historischen Bilderspaziergang basieren viele Informationen nicht auf hochoffiziellen, mit amtlichen Siegel versehenen Dokumenten, sondern auf Erinnerungen. Und diese stammen oftmals aus zweiter oder dritter Hand. Hätte ich die Bildzeile auf der Beschriftung der Fotografie basierend vorgenommen, hätte ich meine Pflicht getan. Das Archiv, aus dem das Bild stammt, ist vorbildlich gepflegt, da der Besitzer des Bildes selbst publizistisch tätig ist und viel Wert auf ein ordentlich geführtes Archiv legt. Dennoch ist die Beschriftung falsch. Durch eine Vergrößerung des linken Bildbereiches entdeckte ich Parallelen zu einer von der anderen Seite des Tals entstandenen Fotografie. Und diese zeigt die Staumauer! Mehr noch: Es liegt sogar der Verdacht nahe, dass beide Bilder vom gleichen Fotografen stammen oder doch zumindest zeitnah aufgenommen wurden. Leider ist das Datum der Staumauer-Aufnahme nicht bekannt, aus den vorliegenden Daten bezüglich ihrer Fertigstellung und des Bruchs lässt sich jedoch sagen, dass beide Fotografien zwischen 1903 und 1906 entstanden sind. 

AUF DEM SCHNEE

Im Fall der Fotografie aus dem Steinbachtal konnte ich dank digitaler Bildbearbeitung einen Fehler vermeiden und den tatsächlichen Entstehungszeitraum auf ein Zeitfenster von drei Jahren eingrenzen. Im Fall eines Fotos auf Seite 118 des Buches ist mir dies nicht gelungen. Dort ist eine Dreschmaschine auf dem Rüdinghauser Schnee zu sehen, um sie herum stehen einige Mitarbeiter und Familienmitglieder des stolzen Besitzers. Auf 1940 habe ich das Bild datiert. Eine Leserin schrieb mir dazu: "Das selbe Bild befindet sich auch in meinem Besitz. Seinerzeit hat mein Vater einen Abzug erhalten, da er selber auf dem Foto zu sehen ist. Auf der rechten Bildseite zwischen zwei Männern steht er, der Junge mit den blonden Haaren. Mein Vater muss zu diesem Zeitpunkt etwa 12 Jahre alt gewesen sein. Da er 1921 geboren wurde, kann das Bild nicht 1940 entstanden sein. Es ist vor dem zweiten Weltkrieg entstanden ich schätze zwischen 1933-1935. In dem Anbau war übrigens zu diesem Zeitpunkt noch die Schmiede Winkelmann untergebracht."

Der besagte Großvater zog einige Jahre später in ein Haus auf dem Schnee, und zwar an der Ardeystraße 351. Auf Seite 120 oben ist genau dieses Haus zu sehen, das 1972 abgerissen wurde. Die Perspektive dieses Fotos, das von der bereits auf Herdecker Stadtgebiet gelegenen Wittener Landstraße aus entstanden ist, könnte zur Annahme führen, dass der ehemalige Edeka-Supermarkt nun auf genau diesem Grundstück steht. Das aber ist nicht ganz korrekt, wie die Leserin erklärt. Tatsächlich entstand dieser ehemalige Supermarkt auf einem ehemals der Schneer Familie Schulte-Munkenbeck gehörenden Garten.

Foto: chl - ehemalige Edeka-Supermarkt auf dem Schnee, aufgenommen am 18.12.2013

Der besagte Supermarkt wurde im Herbst 2013 geschlossen, heftig wurde um ihn gestritten. Unwirtschaftlich war er wohl nicht. Im Dezember 2013 entstand das Foto, seither steht das Gebäude fast leer, der letzte Einzelhändler auf der Wittener Seite des Schnees ist somit der Bäcker, zu sehen in der Mitte des Bildes. 

Sollten weitere Bildbeschriftungen Korrekturen bedürfen – soll dies hier geschehen. Oder vielleicht gibt es ja auch Geschichte, Anekdoten zu erzählen, die über die im Buch geschilderten Geschichte hinausgehen...

Eine solche Geschichte, dass ist etwas die von Erich Waldschmidt. Von 1960 bis 1964 war er Direktor der Annener Erlenschule, dann ging er in Pension - nach 44 Jahren im Schuldienst! So steht es auf Seite 77 des Buches unter einem Foto, das anlässlich seines 40sten Dienstjubiläum entstand, zu lesen. Dies ist auch richtig. Allerdings gibt es zur Bildzeile eine interessante Ergänzung. 1966 nämlich verordnete ein Virus dem größten Teil des Lehrerkollegiums der Wittener Bachschule einen Zwangsurlaub. Statt den Unterricht ausfallen zu lassen, verpflichtete die Stadt kurzerhand Aushilfslehrer, die den Unterricht fortführten. Zu diesen Lehrern gehörte auch der zwei Jahre zuvor aus dem Schuldienst ausgeschiedene Erich Waldschmidt. Heute wäre eine solche Maßnahme wohl nicht mehr ohne weiteres möglich. 

Übrigens, ich wurde mehrfach auf das Kapitel über die Kirchen in Annen angesprochen und gefragt, weshalb denn das Karmelitinnen-Kloster im Ardey keine Erwähnung fände. Dazu möchte ich zwei Anmerkungen machen. 1.) Da es auf den Plänen der Stadt keine offizielle Ortsteil-Gemarkung Ardey gibt, lässt sich eine genaue Ausdehnung des Gebietes, das im Allgemeinen Ardey genannt wird, nicht exakt bestimmen. Durch welche Straßen, entlang welcher Zäune verlaufen die Grenzen des Gebietes, das größtenteils in Annen liegt, zu einem Teil aber auch in Witten-Mitte? Ich liebe die Diskussionen, die sich aus dieser Frage ergeben. Aus diesem Grund habe ich mich in Ermangelung einer offiziellen Gemarkung Ardey 2.) an die offiziellen Stadtteil-Gemarkungen der Stadt Witten gehalten. Und nach diesen Grenzziehungen verläuft die Grenze zwischen den Stadtteilen Mitte und Annen in Höhe der Einmündung der Straße Auf der Klippe / Holzstraße, wobei sich die Straße Auf der Klippe, an der das Kloster liegt, in Witten-Mitte und nicht mehr in Annen befindet.

Wo wir schon einmal beim Thema Kirchen sind... Das letzte Kapitel des Buches widmet sich nicht dem Stadtteil Annen, sondern, aus den Korreturen lässt sich dies ja bereits herauslesen, dem angrenzenden Rüdinghausen. Auf Seite 113 wird das evangelische Gotteshaus in diesem Stadtteil thematisiert. Die Quelle, aus der ich in diesem Fall zitiert habe, datiert die Übergabe des Kirchgebäudes an die Gemeinde auf den 11. Mai 1864. Die ehemalige Pfarrerin der Gemeinde sprach mich daraufhin an und teilte mir mit, die Gemeinde würde das 150jährige Bestehen im Mai 2013 feiern. Demnach wäre sie also 1863 erbaut worden. Und ja, im Mai 2013 ist dieses Jubiläum auch in Rüdinghausen gefeiert worden. Da hoffe ich für die Gemeinde einmal, dass meine Quelle falsch war... 


Gespräch mit Christian Lukas über seinen neuen Bilderband über den Stadtteil Annen by Antenne Witten on Mixcloud

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