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Büchereidämmerung, November 2010
Tschüss
Kulturhauptstadt. Warst ein schöner Titel. Wie, das Kulturhauptstadtjahr
ist noch nicht vorbei? Moooment... Tatsächlich, es ist ja noch nicht
einmal November. Seltsam. Wieso glaube ich...? Richtig, weil in meiner
Heimatstadt gerade die Kultur die Borbach
hinunterfließt. Klar, die Kassen sind leer, Haushaltssicherung ist ein
Wort, das inzwischen jedes Kindergartenkind buchstabieren kann. Dass
jedoch ausgerechnet im so genannten Kulturhauptstadtjahr die Kultur in
Witten seiner Götterdämmerung entgegensieht, ist schon eine bittere
Ironie des Schicksals. Die Stadtbücherei soll geschlossen
werden und an neuer Stelle in einem Wissenszentrum wieder auferstehen.
Das klingt gar nicht schlecht?
Hinter diesem Plan
steckt nicht nur eine angedachte massive Verkleinerung des Buchbestandes,
das neue Wissenszentrum soll darüber hinaus im Märkischen
Museum
angesiedelt werden. Dieses Museum, immerhin Heimstätte der
größten Sammlung des Deutschen Informell, würde damit
auch verkleinert und in seiner Handlungsfähigkeit beschnitten.
Doch wen interessieren Museen? Und Stadtbüchereien? Im Zeitalter
von Wikipedia und e-books? Die Städte sind pleite. Für
Wohltaten wie Kultur bleibt da kein Geld mehr. Also wird gespart, wo
dies möglich ist. Bei Büchereien zum Beispiel. Oder es werden
Grundschulen geschlossen. Auch das ist in Witten bereits geschehen.
Übrigens: Witten möchte eine der sportlichsten Städte
Deutschlands werden und hat sich entsprechend beworben. Drei
Sportplätze wurden in den letzten Jahren geschlossen, zwei sehen
ihrem Ende entgenen. Einer für Neuansiedlungen rund um die
Wittener Uni. Ja, für Bildung. Privatfinanziert. Dumm nur, dass
die neuen Ansiedlungen bis heute das alte Sportplatzgelände
nicht erreicht haben, ein friedliches Nebeneinander von Sport und
Bildung also problemlos möglich wären. Auf zwei ehemaligen
Sportplätzen stehen inzwischen Edeka-Märkte. Der Bauch muss
in Witten also nicht darben. Und die anderen beiden Sportplätze?
Befinden sich im Grünen. Da lassen sich doch wunderbare Eigenheime
drauf errichten.
„Gegen eine Dummheit,
die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf“, bemerkte einst
Theodore Fontane. Leider scheint es zurzeit in Mode zu sein genau dort zu
sparen, wo Nachhaltigkeit erwirkt wird.
Nachhaltigkeit - wie
aus dem Titel Kulturhauptstadt Ruhr.2010?
Ich gebe
zu, es gab tolle Aktionen. Das Stillleben auf der A40 war
beeindruckend. Und auch die Aktion Schachtzeichen, bei der gelbe
Ballone über ehemaligen Schachtanlagen aufstiegen, war in dem
Sinne eine beeindruckende Aktion, da man von Stadt zu Stadt fuhr - und
überall die Ballone am Himmel schweben sah, unabhängig von
Stadtgrenzen oder heutigen Wohngebieten. Denn merke: Auch unter dem
vornehmensten Hintern findet man im Revier bis heute das Schwarze Gold.
Dennoch
steht am Ende die bittere Erkenntnis, dass von diesem Jahr nicht
viel bleiben wird. Orte der
Kunst und Kultur kämpfen verzweifelter um ihr Überleben als
vor dem Kulturhauptstadtjahr – ein Jahr, das - und darauf
dürfen
wir Wetten abschließen - am Ende von der Politik als ein
großer Erfolg gefeiert werden wird, da es eine große
Nachhaltigkeit im Revier erzeugt hat. Nachhaltigkeit in Bezug auf was?
Der bittere Erkenntnis, dass Prestigeobjekte gerne gefördert
werden, die Arbeit vor Ort, in den Kommunen jedoch -> auf sich
allein gestellt ist? Dass die Verwaltung der Stadt Witten vor Schulden
kaum noch aus den Augen blicken kann, ist nicht die Schuld derer, die
diese Schulden heute verwalten. Und bei all den Pflichtausgaben, die
sie
täglich zu leisten haben, können die Verwalter nur sparen, wo
keine
Pflicht zum Geldausgeben besteht. Wie bei der Bildung vor Ort. Womit
sich die Ratte in den Schwanz beißt.
Also: Tschüss
Kulturhauptstadt.
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