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Der folgende Text entstand
für ein Buch-Projekt, das während der Arbeit an den Texten vom Verlag
zurückgezogen wurde. Aus diesem Grund wurde der folgende Text nicht mehr
redigiert, Fehler welcher Art auch immer bitte ich zu entschuldigen.
BOCHUM
Blume im Revier oder graue
Maus auf halben Weg zwischen Essen und Dortmund? Bochum ist beides. Metropole
und Provinz, leuchtende Schönheit und grauer Beton. Total verbaut, aber mit
Seele. Immer in der ersten Liga, aber nie ganz oben.
Der VfL. Seit 1979 kickt er
im rewirpowerSTADION an der Castroper Straße. Man achte auf die Schreibweise.
Ein Energieunternehmen hat sich hier im Stadionnamen ein Denkmal gesetzt. Der
Sponsor zahlt, der Verein kassiert, Radioreporter melden sich artig aus der Fußballheimstätte
mit dem Sponsorennamen. Nur die Fans schert es nicht. Tradition kann man nicht
kaufen, sagen sie und sprechen weiterhin vom Ruhrstadion. Punkt! Der Bochumer
ist ein Westfale aus dem Bilderbuch. Aus der Ruhe kann ihn nichts bringen; dass
kaum ein Bochumer tatsächlich auf einen langen westfälischen Stammbaum zurückblicken
kann, dass ihre Vorfahren aus allen Himmelrichtungen nach Bochum strömten –
geschenkt. Wer einmal mit Bochum gekuschelt hat, kommt von der Stadt nicht mehr
los. Wie all die Schauspieler, die am Schauspielhaus ihre Ausbildung
absolvierten. Große Stars der Bühnen und des Fernsehens. Das Bochumer
Schauspielhaus hat sich fast unbemerkt im Laufe der Jahrzehnte zu einer der führenden
Bühnen der Republik entwickelt. Während andere Bühnen mit lautem Getöse,
Tabubruch und Spektakel immer wieder die Schlagzeilen der Feuilletons erklimmen,
wird in Bochum gearbeitet. Entschuldigung, es wird ja auf der Bühne gespielt.
Aber: Geradlinig, schnörkellos, ohne großes Trara. Dafür qualitativ
hochwertig. Im roten Backstein als Varietétheater 1908 erbaut, ging es 1915 in
städtischen Besitz über. 1919 kam Saladin Schmitt nach Bochum. Der stammte
eigentlich aus Bingen im heutigen Rheinland-Pfalz. Als er den Ruf aus dem
Kohlenpott erhielt, war er an den Freiburger Bühnen tätig, seinerzeit eine
Top-Adresse. Dennoch folgte er dem Angebot in die Provinz (als welche man die
Region zwischen Ruhr und Emscher schließlich wahrnahm). Kaum in Bochum
angekommen, legte Schmidt ein künstlerisches Fundament, das nicht unbeachtet
blieb. Mit der Shakespeare-Woche von 1927 oder der Schillerwoche 1934 sorgte er
deutschlandweit für Aufsehen in den Theaterzirkeln. Und von Bochum – kam er
nicht mehr los. Saladin Schmitt führte das Theater bis 1949 als Intendant –
auch nach den verheerenden Bombenangriffen auf Bochum vom November 1944, die die
Innenstadt fast vollständig in Schutt und Asche legten. Als er 1951 starb,
verbeugte sich die Stadt vor einem großen Sohn. Auch wenn dieser eigentlich ein
Zugereister war.
Bochum. Total verbaut? Die
Innenstadt, ein Häusermeer. Und nicht nur die Innenstadt. Selbst draußen, im
Grünen, im über 1220 Jahre altem Stadtteil Querenburg: Betonkolosse! Die
Ruhr-Universität hat hier ihre Heimat gefunden. Zehnstöckige Monstren aus
Stahl und Beton. Ein Dutzend der Giganten erheben sich über das naheliegende
Ruhrtal, eine Stadt der Bildung inmitten der Stadt der Industrie mit 32.000
Studierenden. Der Gebäudekomplex – eine einzige Verwirklichung wirrer
architektonischer Träume vergangener Zeiten von Modernität und Zweckmäßigkeit.
Kühl, unwirklich. Keine Hochschulen, eher Lehranstalten, mit der Betonung auf
Anstalt. Bürokratentempel, emotionslos, in denen sich dennoch ein freier,
kreativer Geist entfalten konnte. Die erste Uni an der Ruhr, eine Hochschule für
Malocherkinder. Ohne Tradition. In Ruhrstein betoniert hat sich die RUB als
erste Universitätsgründung nach dem Krieg dennoch zu einem Zentrum des Wissens
und der Wissensvermittlung entwickelt. Ingenieure, Juristen, Mediziner,
Geisteswissenschaftler, Pädagogen, Sinologen, Biologen, Meteorologen, so
unterschiedlich ihre Passionen und Professionen, sie alle tragen seit 1965 den
Namen der Stadt in die Welt hinaus. Nachhaltig. Doch wen interessiert es?
Ein Blick zurück, 2007.
Deutschland braucht Eliten, schwirrt es durch die Köpfe der Bildungspolitiker.
Der Pisaschock sitzt tief. Die Deutschen aus dem Land der Dichter, Denker, der
Heimat von Diesel und Benz – zu dumm, um einen Eimer Wasser umzuschmeißen? Da
sollten Eliten ran, Unis konnten sich bewerben, für Zuschüsse. Natürlich
keine Wald- und Wiesenuniversitäten, nur die Besten der Besten sollten Unterstützung
erhalten. Wer dachte da an Bochum?
Am Ende hat es nicht
gereicht. Woran es haperte? Schwamm drüber. Allein die Tatsache, dass Bochum im
Chor der Alten und Verstaubten seine frische Stimme erklingen ließ, wenngleich
am Ende wieder einmal die üblichen Verdächtigen die Kohle bekamen, zeigt auf:
Auch in grauem Stahlbeton entfaltet sich ein kreativer Geist.
Apropos Kohle. Die gibt es in
Bochum noch. Allerdings nur im Museum. 400.000 Besucher kommen jedes Jahr ins
Deutsche Bergbau-Museum. Schon 1930, als rund um Bochum noch Zechentürme
standen und Kumpel in die Tiefe fuhren, um das Schwarze Gold ans Tageslicht zu fördern,
legte die Stadt Bochum den Grundstein für sein Museum der Montangeschichte.
Entstanden ist eine weltweit einmalige Sammlung an Exponaten der Fördergeschichte,
nicht nur aus der Region, letztlich aus der ganzen Welt. Ein Besucherstollen lädt
die Interessenten zu einem Besuch Unter Tage ein und wer keine Angst vor großen
Höhen hat – fährt hinauf aufs Fördergerüst (umgangssprachlich Förderturm
genannt). 71,4 Meter ist er hoch und wer sich traut wird mit einem Blick
belohnt, der üb er die Stadtgrenzen weit hinaus geht. Ob das
Hochhauskonglomerat der Essener Innenstadt, Dortmund, Herne ... All die Städte
wirken von diesem Punkt im Herzen der Bochumer Innenstadt aus betrachtet zum
Greifen nah. Dass das Fördergerüst gar nicht aus Bochum stammt – ist wohl
kaum mehr als eine ironische Fußnote der Geschichte. 1973 wurde es in Bochum
errichtet, ursprünglich versah es bis zu seiner Demontage ab 1939 seinen Dienst
auf der Zeche Germania in Dortmund.
Die Arbeitslosenquote Bochums
pendelt bei etwa zehn Prozent. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Bochum ist
wahrlich keine reiche Stadt. Die Steuereinnahmen lassen keine allzu großen Sprünge
zu, Schulden drücken auf dem Haushalt der Verwaltung. Und wenn es schon einmal
nicht läuft, kommt auch noch das Pech dazu. 2008 schloss Nokia sein Handywerk
in der Stadt. 2300 Menschen verloren ihre Jobs. Dabei arbeitete Bochum rentabel,
erwirtschaftete Schwarze Zahlen. Aber was sind schon Schwarze Zahlen, wenn in
Rumänien fette Schwarze Zahlen geschrieben werden können?
Und dann gibt es natürlich
Opel. Die Ansiedlung des Werkes ist bis heute die größte Neuansiedlung einer
Fabrik im Ruhrgebiet nach 1945. Opel ist der größte Arbeitgeber vor Ort, die
Bochumer Opelaner sind fleißig, mit ordentlicher Mittelklasse ließe sich ja
eigentlich gutes Geld verdienen. Doch die Bosse von Opel sitzen nicht in
Bochum-Laer oder Bochum-Werne, den Standorten Opels in der Ruhrstadt. Die Bosse
sitzen in Detroit, in den USA, und spätestens während der
Weltwirtschaftskrise, die 2008 ihren Anfang nahm, offenbarte sich, dass man
diesen Herren im nahen Bochum-Langendreer nicht einmal die Verwaltung einer
Schrebergarten-Vereinskasse anvertrauen würde. Detroit hat den Karren an die
Wand gefahren und die Auswirkungen sind bis Bochum zu spüren.
2009 hätte die Stadt endlich
einmal etwas fürs Image tun können – mit der Loveparade. In Essen (2007) und
Dortmund (2008) lockte sie Hunderttausende auf die Straßen und Medien aus aller
Welt berichteten. In Bochum – nun ja, musste sie abgesagt werden. Hintergrund
für die Absage ist eine Erklärung der Stadt Bochum, dass die vorhandene
Infrastruktur der Stadt nicht dazu ausreiche, die erwarteten Besuchermassen zu
bewältigen. Die Veranstalter wollten ihr Konzept nicht ändern, Bochum verwies
auf die engen Straßen und den viel zu kleinen Bahnhof – 600.000, 700.000
Besucher auf einen Haufen? Damit wäre die 380.000-Einwohnerstadt nicht klar
gekommen. Seinerzeit bekam die Stadt für diese Entscheidung einiges an Hohn und
Spott zu spüren, seit der Katastrophe
von Duisburg muss man jedoch den Hut vor den Entscheidern im Rathaus
ziehen, die lieber manch einen fiesen Kommentar einsteckten als ein Risiko
einzugehen.
Dass Bochum dennoch mit
großen Besuchermassen fertig wird, beweist einmal pro Jahr Bochum total.
Allerdings: die rund 700.000 Besucher des
Festivals verteilen sich dann auch auf ein ganzes Wochenende und trotzdem wird
es ganz schön eng in
der Stadt. Aber was für ein Fest: Das größte kostenlose Rock-Pop-Festival in
Europa. Und alles live. Würde ein solches Festival in Mannheim, Leipzig oder
Zuzenhausen stattfinden – Tagesschau und Spiegel online würde berichten, die
Stadtväter würden den Erfolg des Festivals als konsequentes Ergebnis ihrer
unermüdlichen Kulturförderung ausgeben und große Sponsoren stünden mit
Dicker Hose Schlange. Und was ist mit Bochum? Man muss froh sein, wenn die örtlichen
Tageszeitungen am „Total“-Wochenende nicht lieber auf Seite 1 über eine
Sackgassenneueröffnung in Bochum-Hamme berichten und das Fest auf Seite 2
verschieben.
Gut, der Bochumer neigt zur
westfälischen Bescheidenheit – ja Nüchternheit. Dabei vergisst er seine Pfründe.
Keine andere Stadt des Ruhrgebiets hat am Ende des Tages so viel zu bieten wie
Bochum. Dortmund nicht, Essen nicht. Da ist nicht nur das Schauspielhaus. Der
„Starlight Express“ dampft seit dem 12. Juni 1988 in Bochum über die extra
für ihn gelegten Gleise der Starlighthalle. Inzwischen haben weit über zwölf
Millionen Besucher das Musical von Andrew Lloyd Webber besucht (Stand: Februar
2009). Das bedeutet, dass das aktuell erfolgreichste Musical an einem Standort
nicht etwa in New York, London oder Las Vegas täglich zur Aufführung gelangt.
Nein, in Bochum findet es statt. B-o-c-h-u-m!
Kaum zwei Kilometer entfernt,
in der Jahrhunderthalle, wird alljährlich der Steiger Award verliehen. Diese
Auszeichnung, „entstanden aus einer Privatinitiative und dem Wunsch der
kulturellen und gesellschaftlichen Förderung der Rhein-Ruhr-Region heraus“,
wie auf nüchternem Verwaltungsdeutsch auf der Website der Stadt Bochum
nachgelesen werden kann, „wird alljährlich an Persönlichkeiten verliehen,
die sich besonders in den Bereichen Musik, Sport, Medien, Umwelt, Film, sowie in
Fragen des Europäischen Zusammenwachsens und des humanitären Engagements
verdient gemacht haben“. Die Preisträger? Unter anderem der israelische Präsident
und Friedensnobelpreisträger Shimon Peres, Friedensnobelpreisträger Mohamed
El-Baradei, der afghanische Präsident Hamid Karzei, Bundesaußenminister a.D.
Hans Dietrich Genscher, Iris Berben, Franz Beckenbauer, Josè Carreras, Sabine
Christiansen, Peter Maffay, Tokio Hotel, Wolfgang Niedecken, Peter Scholl-Latour
(übrigens ein gebürtiger Bochumer), der Musiker Robin Gibb („Bee Gees“),
der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny, die Schauspieler Manfred Krug,
Pierre Brice, Friedrich von Thun und Joachim Fuchsberger, Heinz Sielmann, Boris
Becker, der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker, der ehemalige
Bundespräsident Roman Herzog und andere mehr. Seit 2005 findet der Festakt in
Bochum statt – und wenn Bochum ruft, reisen eben auch Staatsoberhäupter an
die Ruhr.
Ob die Damen und Herren der höheren
Gesellschaft vor einer Steiger Verleihung auch durch den angrenzenden Westpark
flanieren, ist allerdings eher zweifelhaft. Die Jahrhunderthalle, heute ein
ansehnlicher Kulturtempel, war einst die Gebläsemaschinenhalle für die Hochöfen
des Bochumer Vereins. 8.900 Quadratmeter in der Fläche, steht sie seit 1902 auf
dem Gelände, auf dem 1842 der Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation gegründet
worden ist.
Jacob
Mayer und Eduard Kühne hießen die Industriellen, die hier zunächst
Gussstahlglocken gossen. Als Alfred Krupp ihr Patent auf der Weltausstellung in
Paris 1855 anfocht, kam es zu einem Eklat, den die Bochumer gewannen. Krupp
hatte behauptet, Stahl lasse sich nicht in solche Formen gießen – die
Bochumer bewiesen den anwesenden Industriellen aus aller Welt das Gegenteil. Die
Friedensglocken, die jedes Jahr am Tag des ersten Atombombenabwurfes in
Hiroshima im Gedenken an all die Hunderttausend Toten geläutet werden, stammen
aus Bochum. Nach einigen Besitzerwechselns (ausgerechnet Krupp erwarb die Firma
in den 1960-ern), heißt die Firma heute Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH,
das riesige ehemalige Gelände aber ist zum Teil im besagte Westpark
aufgegangen; große Wiesen bestimmen das Bild, aber auch ein so genannter
Industriewald mit Birken, Weiden, Pappeln und Schmetterlingsflieder ist
entstanden. Ein neuer Park mitten in der Stadt, zwischen Industrie, Bahngleisen
und Handel. Und noch ein Geheimtipp.
Überhaupt die Bochumer
Parks. Stadtpark und Tierpark, unweit vom Museum Bochum und dem Planetarium, von
dem aus das Ruhrgebiet in die Sterne schaut. Propsteikirche, St. Peter und Paul,
Pauluskirche und nicht zuletzt die über 1000 Jahre alte Dorfkirche im feinen
Stadtteil Stiepel sorgen fürs spirituelle Wohl zusammen mit all den anderen
ungenannten Kirchen, Moscheen und der 2007 eröffneten neuen Synagoge. Etwas
morbider ist der Besuch des Historischen Friedhofs Ümmingen im Bochumer
Stadtteil Langendreer. Was den 700 Jahre alten Friedhof besonders macht sind
seine Grabstellen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Nur einen Steinwurf entfernt
lädt der Ümminger See zum Verweilen ein. Die Ruhr streift Bochum übrigens nur
an der südlichen Stadtgrenze zu Witten und Hattingen. Mit Witten teilt sich
Bochum den Kemnader See. Dort feiert man nicht nur zwei große Seefeste (Kemnade
in Flammen und das Hafenfest), seit 2008 gibt es auch das große Zeltfest, in
dessen Rahmen die Créme der deutschen Musik- und Comedyszene sich die Klinken
in die Hand gibt. Dass ausgerechnet dieses neue Festival von der Stadt Bochum
groß beworden wird, obschon es streng genommen auf Wittener Stadtgebiet
stattfindet, ist nur eine kleine ironische Fußnote. Am See interessieren die
Besucher die Stadtgrenzen nicht und es wäre an der Stadt Witten diesen
Sachverhalt mal zu thematisieren. Aber wenn das Wittener Rathaus pennt...
Der Botanische Garten der
Ruhr-Universität lädt zum Entspannen ein, Eisenbahnfreunde bekommen Tränen in
den Augen, wenn sie das Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen mit seiner riesigen
Sammlung an historischen Lokomotiven und Waggons besuchen. Abgesehen davon, dass
der nahe Bahnhof Dahlhausen ein Gleis fürs Museum reserviert hat. Eine
Medizinhistorische Sammlung erwartet Besucher im so genannten Malakowturm wieder
nahe der Uni, das Haus Kemnade im Dreistädteeck Witten/Hattingen/Bochum präsentiert
eine riesige Musikinstrumentenausstellung, die ehemalige Zeche Hannover im
Stadtteil Hordel, nahe der Grenze zu Herne,
ist heute Teil des dezentral gelegenen Westfälische Industriemuseums. In Hordel
befindet sich auch die Kappskolonie, eine vor dem Ersten Weltkrieg entstandene
Zechensiedlung, deren dörflicher Charakter durch die fachwerkähnliche
Fassadengestaltung an altwestfälische Bauernhäuser erinnern sollte.
Wen es weder nach Promiaufläufen,
Museen, Kultur- oder Bildungstempeln in Bochum gelüstet, möchte ja vielleicht
nur ein gutes Bier trinken. Die Fiege Brauerei nahe des Hauptbahnhofs gehört zu
den letzten echten Ruhrpottbrauereien und wurde noch nicht von einem Multi
geschluckt, der vielleicht einen Traditionsnamen aufs Etikett schreiben lässt,
den Gerstensaft aber lieber im Sauerland braut. Nein, Fiege ist in Bochum
zuhause. Wie das Bermuda3Eck. Am Ende (oder, je nach Blickwinkel – am Anfang)
der Fußgängerzone, der Kortumstraße, gelegen, reiht sich hier Kneipe an
Kneipe an Restaurant. Es ist das größte Kneipenviertel im Ruhrgebiet. Mehrere
Kinos befinden sich im Karree. Wer zum Shoppen nach Bochum möchte, nun ja, wird
in der Innenstadt eine Überraschung erleben. Neben all den üblichen verdächtigen
Filialisten und einer erklecklichen Anzahl an lokalen Einzelhändlern fehlt doch
ein Kaufhaus in der Innenstadt. Einst bestimmt das Kaufhaus Kortum das Leben,
ein prächtiger Bau, der schon als Filmkulisse diente. Leider ist es pleite
gegangen, nach Jahren unterschiedlicher Nutzungen hat heute immerhin ein
Elektronikriese im traditionsreichem Gemäuer eine innerstädtische Heimat
gefunden. Als Einkaufsstadt hat Bochum einiges an Boden gegenüber den größeren
Nachbarn Essen und Dortmund verloren. Einen schönen Boulevard wollte man in der
Stadt anlegen, den Durchgangsverkehr auf den Bochum umgebenen Ring verbannen. Es
ist gelungen, allerdings erst nach gefühlten 20 Jahren Planungs- und
Bauarbeiten. Nun hat Bochum den Boulevard, nur die Kunden von Außerhalb wollen
nicht so recht kommen. Oder sie fahren auf die Grüne Wiese, in den Ruhrpark.
Noch so eine Superlative. Als er am 7. Oktober 1964 im Ortsteil Harpen seine
Pforten öffnete, war es gerade einmal das zweite seiner Art in Deutschland: Ein
Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese. Geliebt wurde es von den Bochumern nicht,
noch in den 80-ern versprühte es den Charme eines ostzonalen Intershops. Doch
die zunehmende Parkplatznot in den Citys, teils durch den überbordenden Verkehr
hervorgerufen, teils aber auch durch die Ruhrparkhilfsaktion der umliegenden Städte,
genannt „Parkraumbewirtschaftung“, spielte dem Zentrum in die Hände: Das
bietet 7500 gebührenfreie Parkplätze und seit einem größeren Umbau auch die
lang vermisste Gastronomie. Das Zentrum mit seinen 119 Geschäften auf einer
bebauten Fläche von 126.000 Quadratmetern, lockt jährlich 18 Millionen
Besucher an, macht einen Nettoumsatz von 350 Millionen und ist somit nach Fläche
und Umsatz die Nummer 1 in der Bundesrepublik. Das riesige Kino einer großen
amerikanischen Lichtspielhauskette vor Kopf des Zentrums hat das Kinogucken in
der Ruhrstadt revolutioniert, aber die alten Kinos nicht (alle) verdrängen können.
Sogar ein kleines Vorstadtprogrammkino hat die Zeiten im Bahnhof Langendreer überlebt.
Letzterer war übrigens einst genau das, was der Name andeutet. Heute ist der
Bahnhof Langendreer unter anderem ein Veranstaltungsort, an dem renommierte Künstler
aller Art auftreten, während das Kino Endstation mit oft irrwitzigen Reihen,
Originalfassungen oder dem Festival des psychotronischen Films immer wieder ein
neues Publikum anzieht. Das Festival mit dem seltsamen Namen feiert übrigens
den deutschen Film von 1950 bis heute, wobei auch Kommerz und Trash ihren Platz
im Programm haben.
In Bochum-Weitmar wartet die
Zeche auch über 30 Jahre nach ihrer Eröffnung noch immer mit qualitativ
hochwertigen Konzerten auf. Die Idee, in einer alten Fabrikhalle einen
Kulturtempel unterzubringen – er stammt vielleicht nicht originär aus Bochum,
aber hier wurde diese Idee 1977 zum ersten Mal in die Tat umgesetzt. Traurig:
Unweit der Zeche – die Reste des Hauses Weitmar. Ein vergessenes Kleinod,
einst ein prachtvolles Herrenhaus, sind nur noch Reste im so genannten
Schlosspark zu besichtigen. 1943 wurde das Haus
während eines Fliegerangriffs vollständig zerstört.
Blume im Revier oder graue
Maus auf halben Weg zwischen Essen und Dortmund?
Bochum
ist beides. Aber zwischen all dem grauen Beton, da befindet sich eine Großstadt,
die eine einmalige Kulturlandschaft zu bieten hat, mit Museen, Konzerthallen und
vielen kleinen Orten, die in diesem Artikel nicht einmal eine Erwähnung fanden.
Es ist an der Zeit, die falsche Bescheidenheit abzulegen!
WATTENSCHEID
Politiker versprechen viel
wenn der Tag lang ist. Vor allem, wenn sie in der Opposition sitzen. Befreit von
den Sachzwängen der Regierungsarbeit können sie aus der Opposition heraus
nicht nur alles besser als die gerade aktuellen Regenten, sie neigen auch dazu
jedem Verband, jedem Verein und jeder Bürgerinitiative hoch und heilig zu
versprechen, sich nach einer gewonnenen Wahl aktiv für ihre Belange
einzusetzen. Jede Organisation, deren Belange von den aktuell Regierenden nicht
berücksichtigt werden, kann sich der Unterstützung der Opposition sicher sein.
Wählt uns, rufen sie dem Wählervolk zu, und nach unserem Sieg werden wir
unsere Versprechen einhalten. Versprochen. Bei all diesen Versprechungen besteht
allerdings eine unkalkulierbare Gefahr: Die Gefahr - die nächsten Wahlen tatsächlich
zu gewinnen.
Wattenscheid
ist ein seltsames Fleckchen Erde im Ruhrgebiet. Im Westen grenzt Wattenscheid an
Gelsenkirchen und Essen, im Norden an Herne und im Osten und Süden an Bochum.
So betrachtet ist Wattenscheid Ruhrgebiet in Perfektion, denn ganz Wattenscheid
ist von Ruhrgebietsstädten umgeben. Es gibt keine Grenze zum Münsterland, zum
Bergischen Land oder etwa zum Sauerland. Nein, Wattenscheid ist Ruhrpott in
Reinkultur. Auch wenn in Wattenscheid ganz unruhrpottisch Karneval gefeiert
wird. Mit Umzügen und einem Prinzenpaar, das allerdings, ganz
unkarnevalistisch, für zwei Jahre gewählt wird. Bei alledem ist Wattenscheid
eines jedoch nicht: Eine eigene Stadt. Seit dem 1. Januar 1975 gehört
Wattenscheid zu Bochum. Im Zuge der großen Kommunalreform verlor Wattenscheid
seine Selbstständigkeit und damit auch seine 1926 erhaltenen Stadtrechte.
Im Zuge der Gebietsreform war
Wattenscheid nicht die einzige Stadt, die eben jene Selbstständigkeit verlor.
Die Pläne sahen vor, aus 2327 kreisangehörigen Gemeinden 373 zu machen, aus 57
Kreisen 31, während die Zahl der kreisfreien Städte NRW-weit von 38 auf 23
reduziert werden sollte. Der Flickenteppich aus unzähligen Gemeinden und
Kreisen sollte auf ein klar überschaubares Maß an Städten und Kreisen
reduziert werden, zur Verbesserung der Verwaltungseffizienz, aber auch um
Impulse an die Wirtschaft zu senden. Dass es durchaus Sinn macht, eine solche
Idee zu überdenken und nicht immer nur bis zum eigenen Kirchturm zu denken,
sollte gar nicht in Frage gestellt werden. So betrachtet machen die Bemühungen
der späten 1960-er Jahre, als deutschlandweit kommunale Neugliederungen
angedacht und teilweise auch realisiert wurden, durchaus einen Sinn, die Idee
als solche sollte also gar nicht in Bausch und Bogen verdammt werden. Das
Problem der kommunalen Reformen in NRW aber stellt aus heutiger Sicht betrachtet
die Tatsache dar, dass auf der untersten – der kommunalen – Ebene die
Heckenschere angesetzt wurde, die Regierungsbezirke aber erhalten blieben. Warum
werden, allen gut gemeinten Reformen zum Trotz, Teile des Ruhrgebiets vom sauerländischen
Arnsberg kontrolliert, andere Teile von Münster und wieder andere von Düsseldorf
aus? Wie soll eine Region mit einer Stimme sprechen, wenn sie in drei
Regierungsbezirke aufgeteilt ist, deren oberste Repräsentanten nicht einmal
direkt gewählt sind? Die Regierungsbezirke, entstanden in einer Zeit, als an
der Lippe noch wilde Pferde grasten und es den Begriff „Ruhrgebiet“ noch
nicht einmal existierten, sind ein großes Problem fürs Revier. Fette
Verwaltungsapparate, die seit Jahrzehnten eben genau das tun, wofür sie
eingerichtet wurden: Sie verwalten. Gestaltung ist ihr Programm nicht. Dafür
sind sie ein Hemmschuh in der Kommunikation (immerhin werden Angelegenheiten der
Raumplanung seit November
2009 vom RVR verwaltet).
Von allen Städten und
Gemeinden, die am 1. Januar des Jahres ihre Selbstständigkeit verloren und
eingemeindet wurden (auch wenn der Begriff der Eingemeindung in der Politik bis
heute nicht gerne gehört wird), gehört Wattenscheid zu den Gemeinden, die am
vehementesten gegen die kommunale Reform protestierte. Es ist keine Überraschung,
dass sich ausgerechnet in Wattenscheid
der Verein „Aktion Bürgerwille e.V.“ formierte, in dem sich Gegner der
Reform aus dem ganzen Land zusammen fanden, um diese Reform landesweit zu
stoppen. Es gelang dem Verein sogar, das erste Volksbegehren in
Nordrhein-Westfalen auf den Weg zu bringen. Im Zeitraum vom 16. Januar bis 12.
Februar 1974 lagen landesweit Listen aus, mit denen ein Quorum erzwungen werden
sollte, in dem die Bürger über ihre Zukunft selbst abstimmen sollten. Jedoch
blieb die Unterschriftenaktion ohne Wirkung. Obwohl die Organisatoren 720.000
Unterschriften zusammen brachten, reichte diese Anzahl an Unterschriften nicht
aus. Für eine Volksabstimmung hätten etwa fünfmal so viele Unterschriften
gesammelt werden müssen. In Wattenscheid wurde das Ergebnis mit Ernüchterung
zur Kenntnis genommen, denn hier sprachen sich 71,4 Prozent der Bevölkerung
gegen eine Eingemeindung durch Bochum aus!
Nun ist die Reihe der Städte
und Gemeinden lang, die 1975 ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten.
Prominente Beispiel sind ohne Zweifel Wanne-Eickel, Rheinhausen, Kettwig und
Herbede. Und in keiner der Städte brachen Jubelstürme über den Verlust der
Selbstständigkeit aus. Aber man hat sich vielleicht arrangiert. In Rheinhausen
votierten 1974 zum Beispiel über 75 Prozent der Bevölkerung gegen den
Anschluss an Duisburg, auf der anderen Seite bestanden Bestrebungen, die Städte
zu vereinigen, bereits in den 1920-er Jahren. Und im großen Kampf ums
Rheinhausener Stahlwerk von Krupp, das 1987 geschlossen werden sollte, standen
Rheinhausener und Duisburger Seite an Seite gegen diese Schließung. Erfolglos
vielleicht, aber der gemeinsame Kampf hat die Menschen eng zusammenrücken
lassen. Kettwig in seiner exponierten Lage ganz im Süden Essens, konnte seinen
kleinstädtischen Charme erhalten. Wanne-Eickel wurde seinerseits erst 1926
durch den Zusammenschluss dreier (!) Ämter aus der Taufe gehoben, sodass die
Wanne-Eickeler ihre heimatliche Identität nicht unbedingt mit bestimmten
Stadtgrenzen verbinden – und ein paar Kilometer weiter südlich in Herbede ärgerte
sich die Bevölkerung zwar über ihre Eingemeindung, doch die hohe Wohnqualität
und vor allem der Erhalt der eigenen Kleinstadtkultur haben auch hier zu einem
Arrangement geführt: Der Herbede begrüßt den Wittener höchstens hin und
wieder mal als „geschätzten Mitbürger von der anderen Ruhrseite“.
Wattenscheid und Bochum
hingegen haben emotional nie wirklich zueinander gefunden. Woran dies liegen
mag, lässt sich nur schwer erklären.
Es gibt zum Beispiel
historische Aspekte. Vor 1975 waren Bochum und Wattenscheid einfach nur zwei
Nachbarstädte, ohne Verflechtungen. Als Wattenscheid 1816 im Rahmen der Gründung
der Provinz Westfalen den Status eines Amtes erhielt, gehörten zu diesem nicht
nur Ortschaften wie die heutigen Wattenscheider Ortsteile Günnigfeld oder
Sevinghausen, auch kleine Ortschaften wie Gelsenkirchen (mit weniger als 500
Einwohnern!) und Schalke gehörten zum Einzugsbereich des Amtes, ebenso Königssteele
(heute Essen). Später gab es Verschiebungen; mit dem rasanten Wachstum
Gelsenkirchens vom Dorf zur Stadt schied Gelsenkirchen frühzeitig aus dem Amt
Wattenscheid aus, weshalb das Amt einen großen Teil seiner Fläche verlor. Doch
Verschiebungen und Verluste hin oder her: die Grenze zwischen dem, was zur Stadt
Bochum wachsen sollte und dem, was sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Stadt
Wattenscheid vereinigte, blieb bestehen. Die Städte wuchsen nebeneinander, nie
miteinander. Selbst Unter Tage gab es kaum nennenswerte Verbindungen von
Bochumer und Wattenscheider Zechen. Der Bergbau in Wattenscheid endete übrigens
1973, also zwei Jahre vor dem Anschluss an Bochum.
Neben historischen Aspekten
gibt es auch einen demografischen: Mit seinen heute 74.500 Einwohnern ist
Wattenscheid von der Einwohnerzahl her eine mittelgroße Stadt mit gewachsenen
Ortsteilen. Die, wie es im Beamtendeutsch so schön heißt, offiziellen
Gemarkungen der Stadtteile tragen die Namen Eppendorf / Munscheid, Günnigfeld,
Höntrop, Leithe, Sevinghausen, Heide, Südfeldmark, Westenfeld / Vogelspoth und
– Stadtmitte. Geht der Wattenscheider in die Stadt, geht er nach Wattenscheid
und fährt nicht in die Bochumer City.
Der Wattenscheider Fußballfan
steht hinter der SG Wattenscheid 09. In der Leichtathletik ist Wattenscheid eine
Größe in Deutschland. Der TV Wattenscheid belegt Spitzenplätze. Die Athleten
des Vereins gehören zur Creme de la Creme, in den späten 1980-er und den
1990-er Jahren hieß die große Athletin des Vereins Sabine Braun. Als Siebenkämpferin
errang sie den Weltmeistertitel, auch Olympisches Edelmetall in Bronze gesellte
sich zu ihrer eindrucksvollen Medaillensammlung. In Essen, ihrer Heimatstadt,
wurde sie gefeiert, in Wattenscheid ebenso. Aber auch in Bochum?
Wattenscheid und Bochum haben
in vielen Bereichen bis heute nicht zusammen gefunden. Auch publizistisch
stellen die beiden Teile längst keine Einheit dar. Die Westdeutsche Allgemeine
Zeitung (WAZ) unterhält bis heute eine Redaktion in Bochum und eine in
Wattenscheid. Die ORA, eine 50-prozentige WAZ-Tochter auf dem Sektor der
Anzeigenblätter, bringt in Bochum den „Stadtspiegel Bochum“ heraus und in
Wattenscheid, genau, den „Stadtspiegel Wattenscheid“. Und wenn der
Regionalexpress 1 der Deutschen Bahn, die zentrale Ost-West-Großstadtverbindung
Verbindung des Ruhrgebiets schlechthin, von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof
rattert, hält er natürlich auch in Wattenscheid. Dass der Bahnhof Wattenscheid
2007 zum Haltepunkt zurückgebaut wurde, ist eine Sache. So lange die
Regionalexpresse hier halten, interessieren diese Feinheiten des Bahnvokabulars
nur peripher. Dass der Haltepunkt aber dem Willen der Bahn nach zukünftig
Bochum-Wattenscheid heißen soll – das ruft Proteste hervor. Der
S-Bahnhaltepunkt in Höntrop heißt schließlich auch Wattenscheid-Höntrop und
nicht Bochum-Höntrop.
Bochum und Wattenscheid. Sie
teilen nicht einmal eine einheitliche Telefonvorwahl. Bochum erreicht man unter
der 0234, Wattenscheid unter der 02327.
Nun gibt es im Fall von
Wattenscheid allerdings auch einen populistischen Aspekt, der mit den eingangs
erwähnten Politikern einher geht, die aus der Opposition heraus Dinge
versprechen, an die sie sich, wenn die tatsächlich an die Macht gelangen, nicht
mehr erinnern können. Noch im Jahr 1990 rangen Wattenscheider Heimatfreunde der
CDU und der FDP ein Versprechen ab. Im Jahr der deutschen Einheit sicherten die
Fraktionsvorsitzenden der CDU, Bernhard
Worms, und Achim Rohde von der FDP den Wattenscheidern schriftlich zu, „...
eine von uns gestellte Landesregierung wird [...] unverzüglich die notwendigen
Schritte einleiten, um die Selbstständigkeit [von Wattenscheid] wieder
herzustellen.“ Im September 2007 erinnerten die Heimatfreunde die nunmehr in
einer Koalition regierenden Christ- und Freidemokraten an ihr Versprechen - ohne
eine Rückmeldung zu erhalten. Kein Wunder: Die Kommunalreform wurde schließlich
von allen drei 1974/75 im Landesparlament sitzenden Parteien getragen. Also auch
von den Oppositionsparteien.
Was
Wattenscheid bleibt, ist eine lange Geschichte. 890 wird Wattenscheid im so
genannten Heberegister des Klosters (Essen-)Werden zum ersten Mal als Villa
Uattanscethe erwähnt. Auch Eppendorf, Höntrop und Westenfeld tauchen in diesem
Jahr erstmals urkundlich auf. 1554 wurde Wattenscheid Mitglied der Hanse, da es
1417 vom Grafen Adolf IV von Cleve-Mark die „stadtähnlichen Rechte einer
Freiheit“ erhalten hatte, wie der Historiker sagt. Der Bergbau nahm 1722
seinen Anfang und trug maßgeblich zum Wachsen der Stadt bei. Der Bergbau ist
heute noch auf dem im Oktober 1992 der Öffentlichkeit übergebenen Höntrop/Eppendorfer
Bergbauwanderweg zu besichtigen. Auch fürs spirituelle Wohl ist in Wattenscheid
durch die Bartholomäuskapelle gesorgt. 1364 gestiftet, diente sie Pilgern auf
dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela als kostenlose Übernachtungsmöglichkeit,
die gleichzeitig Schutz vor bösen Buben bot.
Eine
besondere Glocke steht wiederum im Vorgarten der evangelischen Kirchengemeinde
Wattenscheid-Leithe, an der Gelsenkirchener Straße. Die 1,5 Tonnen schwere
Stahlglocke „Auguste Viktoria“ gilt als unschätzbares Kirchengut und
Meisterstück des Bochumer Vereins. Eigentlich gehörte sie der Berliner
Gnadenkirche, nach der Zerstörung der Kirche im Krieg entschloss sich der
Magistrat Berlins nach Kriegsende für eine Verschrottung des Kunstwerkes. Ein
Pfarrer aus Berlin-Malchow rettete sie quasi in letzter Sekunde und schaffte sie
zunächst nach Thüringen; 1990 gelangte sie auf Initiative der Gemeinde in
Malchow nach Wattenscheid. Freundschaftliche Beziehungen gaben den Ausschlag.
Als Denkmal ist sie in Leithe zu besichtigen, möglich aber, dass sie eines
Tages wieder in der Berlin läuten wird.
Im
Helfs Hof im Ortsteil Sevinghausen wiederum ist das Wattenscheider Heimatmuseum
daheim. 1974 wurde es noch vor der Eingemeindung gegründet. Im 15. Jahrhundert
als Hove tom Heylwege to Staleyken errichtet, führte der Hellweg direkt am
Hause vorbei. Die Wasserburg Sevinghausen wiederum ist eine der ältesten
Fachwerkburgen Westdeutschlands. Es ist das älteste Wohnhaus in Wattenscheid,
1721 wurde es errichtet. Erste Berichte über eine Bebauung des Geländes lassen
sich für das Jahr 1322 belegen.
Und
bei allem Ärger über die Eingemeindung – der berühmteste Sohn Wattenscheids
lässt selbst Bochumer vor Neid erblassen. Sein Name ist Bond, James Bond!
Kein
Scherz: Am 11. November 1920 erblickte James Bond das Licht der Welt in
Wattenscheid als Sohn einer Schweizerin und eines britischen Ingenieurs, der im
Auftrag der britischen Regierung den Krupp-Konzern zerschlagen sollte. Nachdem
die Interessen von Briten, Belgiern und Franzosen an der Ruhr allerdings weit
auseinander drifteten und Großbritannien, im Gegensatz zu Frankreich, auf
Reparationszahlungen und damit auch der Zerschlagung des Krupp-Konzern
verzichtete, kehrte Vater Andrew mit Frau und Sohn in seine britische Heimat zurück.
Zwar hat Bonds literarischer Vater Ian Fleming nur sehr vage Andeutungen über
die Herkunft seines Agenten im Dienste Ihrer Majestät hinterlassen, 1973
erhielt der britische Autor John Pearson jedoch die Erlaubnis, aus den rudimentären
Angaben bezüglich Bonds Herkunft das Buch
„James Bond: The Authorized Biography“ zu verfassen, das eben nicht
nur die frühen Agentenjahre Revue passieren lässt, sondern auch Auskunft über
Bonds Geburtsort gibt.
James
Bond ein Wattenscheider – wer hätte das gedacht ...
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