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Antenne Witten

Der folgende Text entstand für ein Buch-Projekt, das während der Arbeit an den Texten vom Verlag zurückgezogen wurde. Aus diesem Grund wurde der folgende Text nicht mehr redigiert, Fehler welcher Art auch immer bitte ich zu entschuldigen. 

WITTEN 

Im Sommer 2008 schockte eine Nachricht die Wittener Bevölkerung: Das Statistische Landesamt teilte mit, Witten habe seinen Großstadtstatus verloren, die Bevölkerungszahl sei unter 100.000 gesunken. Dies verleiht Witten seither den wenig schmeichelhaften Titel, die „größte mittelgroße Stadt Deutschlands“ zu sein. Gelegen zwischen den beiden Platzhirschen Bochum und Dortmund mit ihren großen Innenstädten, dem Ruhrpark, den Theatern, Museen, Tierparks und auch noch zwei Fußballbundesligisten, verschwimmt schnell die Wahrnehmung der Stadt an der Ruhr. Dabei gibt es für Witten keinen Grund, sich in vornehmer Zurückhaltung zu üben: Witten nämlich ist nicht weniger als die Geburtsstätte des Ruhrgebiets!

Die Sage, die in Witten erzählt wird, gibt es in abgewandelter Form auch in anderen Gemeinden der Region: Ein Hirte, berichtet die Überlieferung, habe an einem kleinen Lagerfeuer am Ruhrufer gesessen. Als er das Feuer löschte, entdeckte er in der Glut brennende Steine. Er berichtete anderen Hirten und Bauern von seinem Fund – und läutete damit die Geburtsstunde des Kohlebergbaus ein. Historische Dokumente belegen, dass in Witten bereits im 13. Jahrhundert Kohle abgebaut worden ist. Früher als an jedem anderen Ort in der Region, die wir heute Ruhrgebiet nennen. Zwar kann man nicht von einem Bergbau, wie wir ihn heute kennen, sprechen. Es war eher ein Graben, da die Kohle in Witten sehr nah an der Oberfläche lag. Doch bereits um 1510, vermuten Historiker, entwickelte sich ein (auf die Zeit bezogener) kommerzieller Tagebau in Witten. Gerichtsakten aus dem Jahre 1552 belegen schließlich die Vergabe von Grabungsrechten.

All das ist Geschichte, die in Archiven lagert oder zwischen Buchdeckel gepresst wurde? Mitnichten! In Witten ist diese Geschichte bis zum heutigen Tage greifbar – und das genau an dem Ort, an dem Bauern und Hirten vor über 700 Jahren erstmals nach Kohle gruben: Dem Muttental.

Noch in den 1970-er Jahren deutete wenig darauf hin, dass sich das Muttental zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Region entwickeln würde. Wer durchs Muttental spazierte, stolperte zwar hier und da über Reste der Bergbauhistorie der Stadt, doch das Meiste davon verrottete langsam vor sich hin – die Zeit überwucherte die Geschichte. Nach und nach erkannten allerdings die Granden der Stadt, dass in den Wäldern des Stadtteils Bommern ein rußverschmierter Diamant nur darauf wartete im feinsten Schliff zu glänzen. Ausläufer des Muttentals führen darüber hinaus in den Stadtteil Vormholz. Der war 1975 mit der Stadt Herbede zu Witten gekommen, sodass nun kein Kirchturmdenken mehr eine Grenze durchs Tal zog. Von heute auf morgen ging die Entwicklung nicht voran – aber stetig. Es begann 1972 mit einer ersten Vernetzung der Wanderwege im Muttental zu einem Bergbaurundwanderweg. Dessen Pflege und Ausbau übernahm ab 1982 der im gleichen Jahr gegründete Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier, der unter anderem an allen historisch bedeutsamen Stellen Hinweisschilder aufstellte, die dem Wanderer Auskunft über die Geschichte des jeweiligen Schachtes oder Weges erteilen.

In grüner Natur, jenseits der Hauptstraßen, erstreckt sich heute ein neun Kilometer langer Wanderweg mit über 30 historischen Stätten: Stollen, Schächte, das ehemalige Bethaus der Arbeiter, das kleine Haus Herberholz mit einer kleinen Sammlung von Bergbauartefakten, gelegen direkt am Muttenbach, der dem Tal den Namen gab. Doch es sind nicht nur diese Kleinode, die das Muttental attraktiv machen. Gleich am Eingang des Tals liegt das Feld- und Grubenbahnmuseum Zeche Theresia, das dem Besucher Dutzende von Gruben- und Feldbahnen aus ganz Deutschland auf dem Gelände einer ehemaligen, bereits im 19. Jahrhundert stillgelegten Zeche präsentiert. Eine kleine Feldbahn verbindet das Grubenbahnmuseum schließlich mit dem LWL-Museum Zeche Nachtigall, einem der acht dezentral angelegten Standorte des Westfälischen-Industriemuseums und damit einem der Ankerpunkte der Route der Industriekultur im Ruhrgebiet. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Zeche stillgelegt, aufwendige Restaurationsarbeiten lassen den Bergbau des 18. und 19. Jahrhunderts wieder auferstehen. Auch ein Stollen ist begehbar, der hohe Schornstein des Museums ist das Wahrzeichen des Tals. Früher war dies die Turmspitze des nahe gelegenen Schlosses Steinhausen, einem altes Herrenhaus, in dem einst ein Zweig der Familie von Witten residierte. Diese Turmspitze aber musste 1999 wegen baulicher Mängel demontiert werden.

Direkt vor der Zeche Nachtigall hält der Museumszug des Eisenbahnmuseums Bochum-Dahlhausen. Es ist einer von zwei Haltepunkten im Muttental. Der andere liegt direkt an der Ruhr im Schatten der Burgruine Hardenstein. Die Ruine, in der der Legende nach ein Zwerg namens Goldemar sein Unwesen treibt, lässt einen Krieg als Zerstörungsgrund erahnen. Der wahre Grund ist profan: Die Burg ist im Laufe der Jahrhunderte verfallen. Eine private Initiative hat sie von Unrat, Überwucherungen und Geröll befreit, betrieb Archivforschung und gab der Stadt ein Stück fast 750-jähriger Geschichte zurück. Seit 2006 ist die Ruine in den Monaten April bis Oktober mit dem gegenüberliegenden Ruhrufer verbunden. „Hardenstein“ heißt denn auch die Fähre folgerichtig, die vor allem eine wichtige Funktion übernimmt: Sie schließt eine Lücke im Ruhrtalradweg, der in Witten durch Bommern stets nah der Ruhr entlang verläuft und dann, gegenüber der Ruine Hardenstein, in Witten-Heven seine Fortführung findet. Dort, auf der Hevener Seite, legt regelmäßig die „MS Schwalbe 2“, Wittens Ausflugsschiff, an. Immerhin ist die Wittener Ruhr seit 1770 schiffbar. Wer nun am Hevener Ufer mit dem Rad fährt oder spazieren geht, landet schnell an der Brennerei Sonnenschein, die nicht nur seit 2008 Wittener Bier braut, sondern seit Jahrzehnten sogar Whiskey destilliert. Auch der Herbeder Tropfen, ein 42-prozentiger Kräuterlikör, findet hier seine Heimat, obschon sich der Stadtteil Herbede selbst wieder auf der gegenüberliegenden Ruhrseite befindet.

Herbede ist eine Rarität im Ruhrgebiet. Als eines von zwei so genannten Nebenzentren von Witten, findet man in der Innenstadt, von den Herbedern liebevoll nur Dorf genannt, fast ausschließlich inhabergeführten Einzelhandel. Durch die Fußgängerzone dürfen Autos zwar im Schritttempo fahren, doch Herbede hat sich seinen Dorfcharakter erhalten – altes Fachwerk inklusive. Unweit des Stadtkerns erhebt sich das ehrwürdige Haus Herbede. Bis ins 11. Jahrhundert reichen dessen Ursprünge, ab 1311 residierte und herrschte hier die Familie von Elverfeldt; erst 1922 ging das Gebäude in den Besitz Herbedes über. Regelmäßig finden hier heute über Kunsthandwerkermärkte statt, im Innenhof betreiben mehrere Künstler ihre Ateliers, im Haus selbst hat die Kleinkunst eine Heimat gefunden.

Vom Haus Herbede wiederum ist es nur ein Katzensprung zum Kemnader See. Witten und Bochum teilen sich die Ufer. Heveney nennt sich die Wittener Uferseite, an der ein Spaßbad im Sommer zum Abkühlen einlädt, während Sauna und Therme im Winter Entspannung bieten. Unter Skatern ist der acht Kilometer lange Rundweg um den 1979 fertiggestellten Ruhrstausee längst kein Geheimtipp mehr, mit dem Hafenfest und Kemnade in Flammen, drei großer Feuerwerke inklusive, feiern Wittener und Bochumer ihren See. Das kleine Wasserparadies hat den Traum vieler Ruhries wahr gemacht: Stadtgrenzen spielen hier keine Rolle. Und die Kormorane, Eisvögel und Graureiher, die am See nisten, interessieren solche Grenzen eh nicht. Einzig die Elodea canadensis, eine sich rasch vermehrende Alge, auch Wasserpest genannt, macht dem See zu schaffen. Die Ironie der Geschichte: Wasserpest kann sich nur in extrem sauberen Gewässern vermehren!

Die insgesamt acht Stadtteile Wittens sind in 41 so genannte „Statistische Bezirke“ aufgeteilt. Manche von ihnen blicken auf eine lange Geschichte zurück. Buchholz, im so genannten Hammertal zwischen Sprockhövel und Hattingen als eine Art Wittener Enklave gelegen, kann auf eine 2000-jährige Siedlungsgeschichte zurückblicken. Oder Wullen. Der Ortsteil des zweiten Nebenzentrums Annen ist über 1000 Jahre alt und Sitz der ältesten deutschen privaten Hochschule, der Universität Witten/Herdecke. Andere Namen Statistischer Bezirke wie etwa „Stadion“ oder „Industriegürtel-West“ dienen allein der Bezeichnung von Planquadraten auf den Karten der Stadtplaner, ohne dass sie überhaupt namentlich in der Öffentlichkeit präsent wären. Doch egal, aus welchem Stadtteil ein Wittener kommt, ob er alt ist oder jung, klein oder groß, evangelisch, katholisch oder muslimisch: Geht es um ihrer Stadt, sind sie kritisch. Und zugegeben, die Wittener Innenstadt ist nicht unbedingt die schönste Einkaufsmeile der Region. Dabei hat auch sie ihre Reize. Das imposante Rathaus mit seinem in den 1920-er Jahren errichteten (orangefarbenen!) Turm bildet zusammen mit der nebenliegenden Johanniskirche das Gesicht der Innenstadt. Hier, rund um die Johanniskirche, wo bereits im 9. Jahrhundert eine Kapelle stand, liegt die Keimzelle Wittens. Im Oberdorf. Sogar ein kleiner Park nahe der Johanniskirche, der Lutherpark, lädt zum Verschnaufen ein. Einst war er ein Friedhof. Nach seiner Auflösung blieben zwei prominente Gräber erhalten. Zum einen das Grab der Familie Berger. Sie gründete das Gußstahlwerk, heute Deutsche Edelstahl. Sein Herzschlag erfüllt bis heute Witten mit Leben. Nur wenige Meter weiter – das Grab der Familie Schott. Otto Schott ist das berühmteste Kind der Stadt. Die moderne Glastechnologie basiert auf Forschungen, die er, noch keine 30 Jahre alt, um 1880 in Witten anstellte. Später zog er nach Jena, um mit seinem Freund und Förderer Carl Zeiss zusammen zu arbeiten. Ganz einfach gesagt: Schotts Forschungen haben Glas hitzebeständig gemacht, man findet seine Grundlagenforschung in jeder gläsernen Teekanne und in jedem Babyfläschchen.

Flaniert man nun durch die Innenstadt, fällt dem Betrachter schnell auf: Die Wittener neigen zu falscher Bescheidenheit. Ob Kaufhäuser, die Märkte großer Filialisten und lokaler Einzelhandel: Es ist alles vertreten, was einen Namen hat, ein neues Einkaufszentrum nahe des Hauptbahnhofs schließt die früheren Einkaufs-Lücken.

Im Märkischen Museum ist moderne Kunst zuhause, inklusive der größten Sammlung des Deutschen Informel. Die Wittener Werkstadt gehört zu den ersten Kulturtempeln im Revier, die in den 70-ern in einer alten Fabrikhalle eine Heimat fanden. Es gibt keinen deutschen Komiker oder Kabarettisten von Größe, der hier noch nicht aufgetreten wäre. Etwas gediegener geht es im Saalbau zu. Das Haus Witten, einst eine verfallene Ruine, ist Kleinkunstbühne, Seminarzentrum und Heimat der Musikschule, gegenüber, mitten im Stadtpark, befindet sich in einer alten Gründervilla das Wittener Standesamt. In Witten traut man sich gerne. Im Park, aber auch auf der bereits bekannten MS Schwalbe 2, dem Schloß Steinhausen oder dem Haus Herbede. Die Stadt, die seit 1975 dem Ennepe-Ruhr-Kreis angehört, ist ein Heiratsparadies.

Der Stadtpark bietet Ruhe. Wer gut zu Fuß ist, steigt zum Helenenberg hinauf – und bekommt einen einmaligen Blick geboten. Über ganz Witten reicht er hinüber nach Bochum und Dortmund! Noch schöner ist der Ausblick vom 1858 errichteten Helenenturm. Ein Justizrat baute ihn im Andenken an seine geliebte Frau. Leider ist er nicht mehr ganzjährig begehbar. Der Zahn der Zeit nagt an ihm und Witten lebt seit Jahren mit einem Haushaltssicherungsplan. Aber: Zum Beispiel am Tag des offenen Denkmals wird er geöffnet.

Nur einen Steinwurf entfernt liegt der Hammerteich am Fuße des Hohensteins. Modellbootfreunde lieben den Teich, einige von ihnen haben sogar Weltmeistertitel! Der Hohenstein, ein letzter Ausläufer des Ardeygebirges, ist die grüne Lunge der Innenstadt. Großen Wiesen locken im Sommer. Und das Bergerdenkmal. Der Blick vom 21 Meter hohen Turm, der auf einem Felsen weit über dem Ruhrtal liegt, ziert die Cover vieler Ruhrgebietsbücher. Am Fuße des Hohensteins: Das Eisenbahnviadukt: Eine 800 Meter lange Eisenbahnbrücke, bestehend aus 20 Bögen. „Ein Viadukt wie aus dem Bilderbuch“, schwärmen die Autoren einer Broschüre der Route der Industriekultur. Heute von den Wittenern geliebt, fürchteten die Bürger der Stadt im Baujahr 1913 eine Verschandlung des gesamten Tals. Kein Wunder: Die Brücke wurde aus grauem Beton gegossen und ist in diesem Zustand grottenhässlich. Der Ruhrsandstein, der ihre Erhabenheit ausstrahlt, ist nur aufgeklebte Fassade.

Künstlich ist auch der Schwesternpark hinter dem Evangelischen Krankenhaus der Stadt. Als Anfang des 20. Jahrhunderts junge Frauen aus ganz Deutschland kamen, um hier zu Diakonissen ausgebildet zu werden, zeigte der Leiter des Hauses ein großes Herz. Die Mädchen sollten sich heimisch fühlen, also ließ er einen Park mit Wald- und Gartenansichten anlegen, die für die Regionen, aus denen sie kamen, typisch waren. Was im Schwesternpark nach urzeitlichem Eifelgestein aussieht, ist in Wahrheit erkaltete Schlacke aus dem Gußstahlwerk. Unweit des Schwesternparks soll bald die ehemalige Eisenbahnlinie Rheinischer Esel Wittens Mitte als Rad- und Wanderweg mit Bochum verbinden. Ein Teil des Weges von Witten-Annen nach Dortmund-Löttinghausen ist bereits seit Jahren Realität.  Industriell ist Witten heute nicht mehr in eine Form zu pressen. Automobilzulieferer sind hier daheim, Pumpenhersteller, der Hebezeughersteller Neuhaus betreibt sogar ein Hebezeugmuseum. Das einzige weltweit. An der Uni wird geforscht, die Wittener Industriegebiete sind in den letzten 20 Jahren stetig gewachsen. Rückschläge hat die Stadt ehrbar ertragen. Elektrosicherungen aus Witten hielten einst NASA-Satelliten in ihrer Umlaufbahn. So genannte Investoren aus den USA haben das dazugehörige Werk im Stadtteil Annen geschluckt, ausgeschlachtet, die Maschinen nach China verschoben und dicht gemacht. Das bekannteste Unternehmen Wittens: Das Möbelhaus Ostermann im Stadtteil Rüdinghausen. Es ist das größte in Deutschland.

Sportiv ist Witten vielseitig. Fußball, Volleyball, Leichtathletik, sogar Baseball. Erstklassig in ihren Disziplinen sind die Billard-Spieler und die Judoka der SU Annen. Die Triathleten vom TTW und Asics Team treten bei Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen oder dem Ironman auf Hawaii an. Die Seele des lokalen Sports aber sind die Ringer vom KSV. In den 1970-er und 1980-ern holten sie einen Meisterpokal nach dem anderen an die Ruhr, selig sind die Erinnerungen.

Erinnerungen. Wie die Geschichte der Kohle in Witten. Am 31. Juli 1925 fuhren die Kumpel der größten Zeche, Zeche Vereinigte Hamburg & Franziska, ihre letzte Schicht, 1928 schloss mit Zeche Vereinigte Herrmann die letzte Tiefbauzeche ihre Pforten. Anders sah dies in der Stadt Herbede aus, wo immerhin bis 1972 eine Tiefbauzeche Kohle förderte. Ein Phänomen blieben die meist am Waldrändern gelegenen Kleinzechen, in denen vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg oft weniger als 20 oder 30 Bergleute schufteten. Aber über eine Fußnote der Geschichte kamen diese Kleinzechen nie hinaus. Die letzte, Zeche Egbert, stellte am 22. Juni 1976 ihre Kohleförderung ein. Die ausschließlich aus Holz bestehende Tagesanlage über dem Stollen wurde erhalten, restauriert und ist heute zu besichtigen. Am Rande des Muttentals. Dort, wo die Geschichte einst begann.

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