Seit Shah Rukh Khan während seines Berlinale-Besuchs im
Februar für ein Verkehrschaos rund um den Potsdamerplatz in Berlin sorgte und
die Deutschland-Premiere seines Filmes „Om Shanti Om“ in sieben Minuten
ausverkauft war, ist auch den konsequentesten Bollywood-Ignoranten eines klar:
Dieser Mann ist auch in Deutschland ein Mega-Star. Und das, obwohl seine Filme
hierzulande de facto ausschließlich auf DVD erscheinen. So auch „Chak de!
India“, der King Khan, wie ihn seine Fans respektvoll nennen, von einer
ziemlich ruppigen Seite präsentiert.
Kabir Khan (Shah Rukh Khan) war Kapitän der indischen
Hockeynationalmannschaft. Als solcher führte er Indien ins Endspiel einer
Weltmeisterschaft. Doch nicht seine Leistungen haben sich im Gedächtnis der
Menschen festgebrannt. Sekunden vor dem Ende des Endspiels verschoss Kabir den
entscheidenden Siebenmeter – und ausgerechnet Indiens Erzfeind Pakistan
erklomm den Thron der Hockeywelt. Da Kabir Moslem ist, wurde ihm unterstellt, er
hätte den Strafstoß gegen seine Glaubensbrüder absichtlich verschossen. Als
persona non grata verlässt er Indien. Sieben Jahre später kehrt er aus seinem
selbstgewählten Exil nach Hause zurück, um die international drittklassige
Damen-Hockeynationalmannschaft als Trainer für die Damen-WM in Australien fit
zu machen.
„In jedem Team gibt es nur Platz für ein Arschloch. Und
in diesem Team bin ich das“, faucht er eine seiner Spielerinnen an. Ein
Gentleman ist Kabir Khan nicht. Aber er ist mit Herz und Seele beim Spiel seiner
Mädchen. Er braucht sie, um sich zu rehabilitieren. Und sie brauchen ihn als
Klammer, der ihr zerbrechliches, von den Sportfunktionären ungeliebtes Team,
zusammenhält. Und sie, die zumeist unbekannten Darstellerinnen, sie sind es,
die den Film wie eine sanfte Welle tragen. Mit feinem Charakterstift sind ihre
Figuren gezeichnet, die gegen männliche Vorurteile, Chauvinismus und
Jahrhunderte alte Traditionen ankämpfen müssen, um sich ihren Traum von einer
Weltmeisterschaftsteilnahme zu erfüllen. Unaufgeregt geschieht dies, ohne Höhen
oder Tiefen, ruhig und leise. Es ist nicht ohne Ironie, dass die jungen Frauen für
ihren Weg ausgerechnet die Hilfe eines innerlich ausgebrannten Mannes brauchen.
Aber Kabirs eigener Abstieg vom Olymp hat ihn für den Kampf, den die jungen
Frauen jeden Tag kämpfen müssen, sensibel gemacht.
Es gibt spannende Filme, es gibt bewegende Filme, dieser
ist einfach – schön! Ach ja: Obwohl es sich um einen Bollywoodfilm handelt
– es wird nicht getanzt oder gesungen!
Das jedoch holt Shah Rukh Khan in „Om Shanti Om“
doppelt und dreifach nach. Ende Mai erscheint die Mär von Om auf DVD. Om ist
ein junger Schauspieler der 70er Jahre, der sich in die wunderschöne
Bollywood-Göttin Shanti (Deepika
Padukone) verliebt. Als er sie bei Dreharbeiten aus einem Feuer rettet, freunden
sie sich an. Mehr ist nicht möglich, weil Shanti verheiratet ist. Die Ehe aber
ist geheim und als sie schwanger wird – ermordet sie ihr Mann. Beim Versuch
Shanti ein zweites Mal zu retten, stirbt auch Om. Das klingt nicht gerade nach
Guten-Laune-Kino. Ist es aber, denn dies ist Bollywood und damit ein Raum, in
dem Träume wahr werden: Om wird nämlich wiedergeboren und als Megafilmstar im
Jahr 2007 erhält er die Möglichkeit, ein geschehenes Unrecht zu sühnen. Bunt
ist der Film, denn er ist eine Reminiszenz ans Bollywood-Kino der 70er Jahre.
Die ehemalige Star-Choreographin Farah Khan hat ihn inszeniert und Farah Khan
ist eine Garantin für die ganz großen Tanzszenen. Spätestens die zehnminütige
Tanznummer „Deewangi Deewangi“ wird Hardcore-Bollywood-Fans in Extase
versetzen, wenn nicht weniger als 31 Stars der indischen Traumfabrik
gleichzeitig auftreten! Darunter Megastars wie Kajol, Rani Mukherjee, Saif Ali
Khan, Salman Khan, Juhi Chawla, Preity Zinta oder Dino Morea. Wem diese Namen
nichts sagen, wird auch mit diesem bunten Zuckertraum „Om Shanti Om“ nichts
anfangen können. Auf der Berlinale allerdings avancierte der Film zu dem
Publikumserfolg schlechthin und das Verkehrschaos wurde bereits erwähnt. In
Indien gilt „Om Shanti Om“ als der Blockbuster des Jahres 2007. (Beide Filme
sind bei Rapid Eye Movies erschienen, FSK jeweils ab 12)