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FILMKRITIK
Inception. Ot: dito. Regie: Christopher
Nolan.
Mit Leonardo
diCaprio, Marion Cotillard, Ken Watanabe, Tom Hardy, Sir Michael
Caine. Start:
29. Juli 2010 (Warner Bros)
Der britische Regisseur
Christopher Nolan gehört zu einem besonders erlauchtem Kreis seines
Berufsstandes: Wenn er mit einer Idee vor den Vorstand der Warner Bros.
tritt, dann wird diese Idee nicht zerpflückt, bis am Ende kaum mehr als
ein vermarktungsfreundlicher Resttorso bleibt, der sich wunderbar mit
einem weiblichen Star-Lächeln bei Thomas Gottschalk auf dem Promi-Sofa
bewerben lässt. Nein, wenn Nolan eine Idee vorlegt, dann wird höchstens
ums Budget gefeilscht. Nolan ist schließlich der Regisseur von „Batman
– The Dark Knight“ und damit einer von gerade einmal drei Regisseuren,
denen es je gelungen ist einen Film auf die Leinwand zu bannen, der über
eine Milliarde Dollar eingespielt hat!
„The Dark Knight“,
„Memento“, „The Prestige“: Drei Filme, die allesamt ein Faktum
vereint – sie nutzen die
Technik und die Perfektion des Hollywoodkinos, ohne sich wirklich mit
Hollywood-Mainstream vergleichen lassen zu können. „Memento“ ist ein
Spiel mit dem Genre des Thrillers: Eine an sich simple Geschichte erhält
ihren Reiz dadurch, dass sie rückwärts erzählt wird und erst im Anfang
am Ende einen Sinn ergibt. „The Prestige“, die Geschichte zweier
Illusionisten, die sich einen gnadenlosen, tödlichen Konkurrenzkampf
liefern, erhält seine Kraft durch die Radikalität, mit der die
Hauptfiguren handeln – eine Radikalität, die bis hin zur totalen
Aufgabe der eigenen Persönlichkeit führt. Und
„The Dark Knight“? Nolans zweiter “Batman”-Film besticht
als Anti-Superheldenfilm, als Dekonstruktion des Traumes von einer Welt,
in der Heldentum irgend etwas zum Besseren wenden könnte.
Mit seinem neuen Film
„Inception“ bewegt sich Nolan einmal mehr auf einem ungewöhnlichen
Terrain. „Inception“ ist streng genommen ein Caper-Movie á la „Rififi“
oder „The Italien Job“. Nolans Protagonisten sind hoch spezialisierte
Diebe, die im Auftrag einflussreicher Industrieller deren Konkurrenten
wichtige Unterlagen stehlen. Doch sie brechen nicht in Tresore oder Lagerhäuser
ein, ihre Einbruchsziele sind die Träume ihrer Opfer. Träume, die sie
selbst kreieren, in denen sie ihre Opfer die Realität vergessen lassen,
um sie dann ihrer Ideen zu berauben.
Dom Cobb (Leonardo
DiCaprio) ist der Meister seines Fachs. Doch nachdem ein Auftrag aufgrund
eines winzigen Details daneben geht, ist er der Gnade des japanischen
Industriellen Saito (Ken Watanabe) ausgeliefert – der ihm ein Angebot
unterbreitet, das er nicht abschlagen kann. Seit dem Tod seiner Frau wird
Dom in den USA als Mörder gejagt, bei der Einreise in seine Heimat würde
er sofort verhaftet. Und so ist er auch von seinen Kindern getrennt. Saito
erklärt Dom, er brauche nur einen Anruf zu tätigen – und Dom sei ein
freier Mann. Dafür muss er jedoch einen Auftrag ausführen: Er soll in
die Träume des Jungunternehmers Robert Fischer (Cillian Murphy)
eindringen. Allerdings soll Dom keine Informationen aus seinen Träumen
stehlen – er soll Robert vielmehr eine Idee einpflanzen. Robert soll
glauben, es sei das Beste das global agierende Unternehmen, das sein
Vater, der tyrannische, im Sterben liegende Geschäftsmann Maurice Fischer
(Pete Postlewaithe) aufgebaut hat, zu zerschlagen. Dieser Vorgang nennt
sich Inception. Er hat nur einen Schönheitsfehler: Er ist noch nie
gelungen. Kurz gesagt: Der Verstand Robert Fischers könnte für immer in
seinen Träumen gefangen bleiben. Dennoch wagt Dom den Schritt und stellt
ein Team von Spezialisten zusammen, die ihn unterstützen sollen. Sein
Plan ist riskant: Das Unterbewusstsein erkennt falsche Gedanken. Um Robert
zu täuschen und ihm die falschen Gedanken zu implementieren – muss Dom
in einen Traum in einem Traum. Er muss so tief eindringen, dass der
Verstand glaubt, die Idee käme aus dem eigenen Unterbewusstsein. Eine
Kleinigkeit verschweigt Dom seinen Komplizen allerdings: Seit dem Tod
seiner Frau ist er in den Träumen, in die er eindringt, unfähig sich
ausschließlich auf den Auftrag zu konzentrieren. Immer wieder kreisen
seine Gedanken um seine Geliebte Mal (Marion Cotillard) – was zu dem
unschönen Problem führt, dass Mal ständig in den Träumen seiner Opfer
auftaucht. Und Mal ist auf Rache aus, denn die Mal seiner Träume glaubt,
dass Dom tatsächlich für ihren Tod verantwortlich ist.
Ein Traum ist ein Traum
ist ein Traum. Nolan kreiert nicht einfach nur ein simples Verwirrspiel.
Er nutzt einmal mehr die gesamte Klaviatur des Big-Budget-Hollywoodkinos,
um seine Geschichte in ein visuelles Fest zu verwandeln. Da wölbt sich
halb Paris in den Himmel, gigantische Städte wachsen an zerklüfteten Küsten,
Actionszenen im Michael-Mann-Stil drücken aufs Tempo. Hans Zimmers Musik
findet für jede Traumwelt eigene (wiederkehrende) Klangmuster, die
Darsteller bieten anspruchsvolles Schauspielerkinos. Allein wirkt der
gesamte Film seltsam unterkühlt. Nolans Vorlieben für kühle
Gegenwartsarchitektur ließ sich schon in seinen „Batman“-Filmen nicht
verhehlen, in „Inception“ treibt er diese auf die Spitze, wenn er
beispielsweise die persönlichen Traumwelten diCaprios als ein Meer aus
Wolkenkratzern und kühler Modernität präsentiert. Es sieht zwar toll
aus, wenn diese Welten beginnen an den Rändern in sich zusammenzustürzen,
was „Inception“ jedoch fehlt ist Menschlichkeit. Es menschelt,
sicherlich, Doms Trennung von seinen Kindern hat etwas Rührendes. Doch
wirklich mit ihm leiden – kann man nicht. Dafür bleibt Dom zu unnahbar
und kühl.
Beeindruckend hingegen
ist Nolans Spiel mit den verschiedenen Traumebenen, der Traum im Traum
eines Traumes: Nolan kommt selten ins Schwitzen, wenn es um die innere
Plausibilität seiner Geschichte geht. Atemberaubend: Der Showdown, der
auf verschiedenen Ebenen zur gleichen Zeit stattfindet.
In den USA wurde Nolans
Film von der Kritik frenetisch gefeiert. Seine kühne Konzeptionalität
scheint die amerikanischen Kritiker so begeistert zu haben, dass sie die Kühle,
die von „Inception“ ausgeht, offenbar nicht wahrnehmen wollten.
Vielleicht aber ist „Inception“ letztlich ein Film, der einen Hunger
still: Den Hunger nach einem Werk, das Hollywood ist – und doch ganz
anders. In einer Zeit, in der Hollywoodfilme immer mehr auf den Effekt
(Stichwort: 3D-Manie) setzen und in der ein erschreckendes Mittelmaß aus
Unterhaltungskonzeptionsware und Ideenrecycling das traurige Ideen-Bild
der Filmfabrik von der US-Westküste kennzeichnen, sind die Filme Nolans
eine Ausnahmeerscheinung. Nolan ist kein Autheur bleieiner europäischer
Bildungsbürgerlichkeit, er ist ein Kind der Popkultur, ein Unterhalter,
ein Filmfan, der sich in bekannten Gefilden bewegt. Wie viele andere
Regisseure auch. Doch neben alledem ist er eben auch ein Geschichtenerzähler,
der die Perfektion des Hollywoodkinos nutzt, um seine ganz eigenen
Traumwelten zu realisieren. Unabhängig von den Erwartungen des Publikums,
das sich von seinen Filmen tatsächlich überraschen lassen darf. |