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Antenne Witten

Die Schließung der Lokalredaktion der Ruhr Nachrichten in Witten

Repro: Lukas / Foto

Am 31.Oktober 2014 erscheint in Witten die letzte Ausgabe des Lokalteils der Ruhr Nachrichten. Mit der Schließung endet nicht nur ein Stück publizistischer Lokalgeschichte. Es endet auch ein Stück weit Meinungsvielfalt. In Zukunft wird es nur noch eine Tageszeitung mit Lokalteil in Witten geben. Damit wird diese Zeitung de facto ein Monopolist: Das Tagesgeschehen - in der Hand eines einzigen Verlages. Worüber berichtet wird, was die Menschen interessiert... Diese Themen werden in Zukunft in einer Redaktion beschlossen. Gegensätzliche Meinungen, unterschiedliche Blickwinkel - werden der Vergangenheit angehören.
Bitte? Das Internet bietet eine Öffentlichkeit, die keine Zeitung bieten kann? Wozu brauchen wir klassische Redaktionen?
Ich bitte einmal anzuschauen, worüber populäre Blogs berichten.
Krieg, Frieden, Mode, Feminismus, Bücher, Filme, Medienjournalismus, Demokratie, vegane Ernährung... Ob im Blog oder den sozialen Medien, thematisch geht es fast immer um das Große, das Ganze. Es geht um die großen Themen der Welt. Jene Themen, welche Öffentlichkeit generieren, die in Flensburg genau so verstanden werden wie in Stuttgart oder Passau.
Was aber ist mit der Schlaglochstraße in Witten-Bommerholz, die die Anwohner nervt? Oder dem Kleingartenverein, der sich mit der Stadt streitet? Wer gibt diesen Menschen eine Öffentlichkeit, wer recherchiert Hintergründe, wer gibt dem Karree eine Stimme?


Die Zeitungen sind in der Krise. Sagen die Zeitungsverleger. Und sie verweisen auf die Abozahlen, auf die Einnahmen. Als kleines Licht in dieser großen Welt erlaube ich mir jedoch zu behaupten, dass diese Krise keinesfalls (alleine) eine Krise eines veränderten Konsumverhaltens der potenziellen Leserschaft darstellt. Die regionalen Verlage haben vielmehr in den letzten Jahren ihre Kernkompetenz vernachlässigt. Und diese Kernkompetenz - die liegt vor der eigenen Haustür, in den Straßen der eigenen Stadt, des Kreises, der Heimatregion. Statt massiv in diese Kernkompetenz zu investieren, wird überall gespart. Die Zahlen müssen stimmen. Und wo wird gespart? Auf der untersten Sproße, der lokalen Redaktion.
An der Kernkompetenz!
 
Die Welt vor der eigenen Haustür - bietet nicht immer das große Spektakel. Aber das Leben, das wir erleben, passiert hier. Im Quartier, im Viertel. Da reicht die Meldung auf Facebook aus, um über die Geschehnisse vor Ort zu informieren? Wir brauchen keine lokale Tageszeitung mehr?

Schauen wir uns einmal die Arbeit in einer Lokalredaktion an und überlegen uns eine Geschichte  jenseits des großen Spektakels, fern der großen Ereignisse. Sagen wir - es geht um einen Streik in Kindergärten vor Ort. Ein Träger sagt: "Ich zahle nach Tarif." Die Erzieher sagen: "Stimmt nicht. Und darum streiken wir!" Als Journalist schreibe ich nun darüber einen Artikel. Ich
- recherchiere die Hintergründe
- spreche mit einem Gewerkschaftsvertreter
- telefoniere mit einem Sprecher des Arbeitsgebers
- rufe Elternvertreter an
- frage in mindestens einem Kindergarten eine Leiterin nach ihrem Standpunkt
- und sagt der Arbeitgebervetreter, gestern noch hätten die Gewerkschaften gesagt, sie ließen mit sich reden, dann muss ich natürlich noch einmal den Gewerkschaftsverter fragen, ob das so stimmt.

Kalkulierte Arbeitszeit: Nun, zwei bis drei Stunden kann das dauern. Bis man alle betroffenen Parteien ans Telefon bekommt, da wählt man sich schnell mal eine Blase am Finger.
Die Frage lautet nun: Was kommt dabei eigentlich heraus?
Es ist ein Artikel mit zwei Spalten, der in zwei Minuten gelesen wird.

Wen interessiert diese Geschichte eigentlich?
Es sind die betroffenen Eltern, es sind die betroffenen Erzieher. Und zwar nur des betroffenen Trägers.
Wen interessiert das nicht?
Alle anderen. Ob 16-jähriger Zufallsleser, 83-jährige Abonnentin oder der 27-jährige, kinderlose Kreisligafußballer, der in der Brötchenpause am Arbeitsplatz mal in die Zeitung guckt: Niemand von denen interessiert dieser Artikel. Weil sie davon nicht betroffen sind.

Ist er dann also irrelevant und muss nicht geschrieben werden? Getreu dem Motto: Die Betroffenen wissen doch eh, dass der Kindergarten bestreikt wird?
Na ja, so kann man denken. Aber an diesem Punkt erfüllen der lokale und der regionale Journalismus eine wichtige gesellschaftliche Rolle: Sie generieren Öffentlichkeit - auch jenseits der betroffenen Zirkel. Und politische Meinungsbildung - entsteht durch ein breites Spektrum an Informationen. Auch wenn mich ein Thema vielleicht nicht wirklich interessiert, weil ich von diesem Thema nicht direkt betroffen bin, hilft es mir dennoch, meinen Horizont zu erweitern. Warum etwa treffen in dem besagten Kindergarten verschiedene Meinungen aufeinander, was läuft da falsch? Sind es nur Machtspielchen - oder geschehen da in der Tarifauseinandersetzung gerade Dinge, die vielleicht auch meine Branche irgendwann treffen können? Meinung entsteht aus vielen, vielen kleinen Mosaiksteinchen. 

Natürlich könnte ich eine Geschichte wie die des Kindergartens auch über einen Blog verarbeiten. Der Journalist des Jahres 2014 braucht doch keine Zeitung mehr. Er bloggt. Wer hindert mich also daran, die Kindergartengeschichte etwa als frei arbeitender Journalist zu recherchieren und in meinem Blog zu veröffentlichen? Na ja, niemand hindert mich daran. Nur leben kann ich davon nicht. Die vielgepriesenen neuen publizistischen Geschäftsmodelle des Internets funktionieren (in der Regel) nun einmal nicht in der Provinz, denn um Geld zu verdienen, bedarf es des Klicks. Je mehr Klicks, desto interessanter bin ich für die Werbung.
Wie aber werde ich für die große Werbung interessant, wenn ich über einen Streik in einem Kindergarten in Witten an der Ruhr berichte?
Hier waren die Lokalzeitungen einst die publizistische Kraft, die in der Breite informierte! Finanziert über Abos, finanziert über Anzeigen. Es ist keine Frage, dass sich die Welt verändert hat. Und die Frage: Wollen die Leute überhaupt noch eine Lokalzeitung - ist berechtigt. Vielleicht hat sich das Modell auch überholt. Diese Frage stelle ich mir oft. Und ich bin ganz ehrlich: Eine eindeutige Antwort habe ich auf diese Frage bislang nicht erhalten.
Auf der anderen Seite - nichts ins spannender als die Welt vor der eigenen Haustür. Drauf verzichten muss niemand auf sie, es bleibt ja ein Blatt vor Ort. Nur mit dem Verlust der Vielfalt geht immer auch ein Stück Meinung verloren.


Keine Frage ist, dass die eine verbliebene Redaktion des ehemaligen Mitbewerbers vor Ort zum Beispiel über unseren erdachten Streik informieren wird. Aber wird der verbliebene Verlag in Zukunft mit gleicher Redaktionsgröße vor Ort arbeiten - oder gar neue Stellen schaffen, jetzt, da die Stadt ihm gehört?
Hahaha. Der mit dem neue Stellen schaffen, der war gut, oder? Es ist eher das Gegenteil anzunehmen: Wenn mir die Stadt gehört, warum soll ich dann 100 Prozent fahren? Warum nicht nur 80 Prozent? Das merkt doch niemand, denn wo sind die Vergleichsmöglichkeiten, wo ist die zweite publizistische Stimme, die mein Herunterfahren offenbart?


Hinzu kommt in meiner Heimat eine Monopolisierung der Meinung, die andere Regionen bereits erlebt haben. Wohl denen, die noch eine pluralistische Medienlandschaft vor ihrer Haustür finden. Obschon Pluraslismus ein relativer Begriff in der heutigen Medienlandschaft darstellt. Da gibt es Verzahnungen, die überraschen. Einst waren die Ruhr Nachrichten (Stammsitz: Dortmund) und die WAZ / heute Funke Gruppe (Stammsitz: Essen) echte Konkurrenten. Mag die WAZ in der Fläche diesen Kampf frühzeitig für sich entschieden haben, so war etwa Dortmund immer Ruhr-Nachrichten-Land. Doch all das ist Geschichte. Die Gegenwart ist da - komplizierter:


Und wenn am 31. Oktober 2014 die letzte Ausgabe der Wittener Ruhr Nachrichten erscheint, wird das nicht das Ende des Zeitungssterben im Ruhrgebiet bedeuten. Überall dort nämlich, wo die RN stark ist, stehen ebenfalls Veränderunen an. Bei der Konkurrenz halt.


Es war im Juli des Jahres 1994, da habe ich meinen ersten Artikel für die Wittener Ruhr Nachrichten verfasst. Von einem großen Musikfestival auf dem Wittener Hohenstein habe ich berichtet. Ursprünglich sollte ich im August als Freier anfangen, denn eigentlich war ich mit einem Bein bereits im Urlaub. Doch Herr Disselhoff, der damalige Redaktionsleiter in Witten, fragte mich, ob ich spontan Zeit hätte... Und ich wollte natürlich einen guten ersten Einruck hinterlassen und habe natürlich ja gesagt. So fing alles an...  Es gab Jahre, in denen ich sehr viele Artikel verfasst habe und fast jedes Wochenende für die RN Witten unterwegs war. In manchen Jahren hielt sich mein Engagement in Grenzen. Seit 2010 habe ich mich darauf konzentriert, mit dem gleichfalls frei arbeitenden Kollegen Tietz Beilagen für Witten zu erstellen. 
So oder so: 20 Jahre lang gehörten die Ruhr Nachrichten Witten zu meinem Leben. Als frei arbeitener Journalist habe ich im Laufe der Jahre für viele Magazine, Zeitungen und andere Medien gearbeitet. Und es liegt in der Natur dieser Arbeit, dass Auftraggeber kommen und gehen. Die RN in Witten aber war immer auch ein Stück meine Heimat, denn in Witten lebe ich, hier ist mein Zuhause. Adieu, altes Mädchen.






 
 
 
 

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